Hintergrund Zahlreiche geflüchtete Menschen werden zunächst im Rahmen der in Deutschland gesetzlich geltenden Leistungseinschränkungen in den medizinischen Ambulanzen in Erstaufnahmeeinrichtungen medizinisch versorgt. Das Versorgungsangebot ist dabei je nach Einrichtung und verfügbaren Ressourcen sehr unterschiedlich. Verlässliche Informationen über den Gesundheitszustand oder gesundheitliche Bedarfe von geflüchteten Menschen in diesen Kontexten sind weiterhin rar. Vor diesem Hintergrund wurde am Universitätsklinikum Heidelberg, mit Förderung durch das Bundesministerium für Gesundheit, seit 2016 eine Dokumentationssoftware (Refugee Care Manager [Ref.Care]) entwickelt und in über 40 Aufnahmeeinrichtungen in drei Bundesländern implementiert. Die Software ermöglicht es einerseits, medizinische Behandlungen in einheitlicher Form digital zu dokumentieren, und andererseits, die Behandlungsdaten indikatorengestützt und anonymisiert aufzubereiten. Zu den Effekten von digitalen Patientenakten wurde bereits umfassend geforscht. Die Versorgung von geflüchteten Menschen in Aufnahmeeinrichtungen wurde dabei bisher selten einbezogen. Daher geht diese Studie den Fragen nach, welche Beiträge die digitale Dokumentation von Behandlungsdaten aus Sicht der nutzenden Einrichtungen leisten kann und welche Verbesserungspotenziale hinsichtlich der Software und der Implementierungsstrategie gesehen werden.

Methode Im Jahr 2018 wurden mit 30 Leistungserbringenden aus Ambulanzen in Aufnahmeeinrichtungen in Deutschland leitfadengestützte Expert:inneninterviews durchgeführt. Der Leitfaden fokussierte insbesondere die Themen Zufriedenheit, Akzeptanz und Usability des neu eingeführten elektronischen Dokumentationssystems. Die Interviews wurden digital aufgezeichnet, pseudonymisiert, wörtlich transkribiert und in Angelehnung an die inhaltlich strukturierende Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet. Zur Unterstützung der Analyse wurde MAXQDA 20 genutzt.

Ergebnisse Die Einführung der digitalen Dokumentationssoftware wurde durch den persönlichen Kontakt mit den Praxisteams in und nach Schulungen begünstigt. Zur Verfügung gestellte Materialien wurden danach kaum genutzt. Im Behandlungsalltag wurde vor allem die Anpassung der Software an den Behandlungskontext als positiv eingeschätzt. Technische Schwierigkeiten und fehlende Funktionsweisen, wie etwa die fehlende Interoperabilität mit anderen Softwareprodukten, erschwerten teilweise die Nutzung. Für die Dokumentation leistet die Software aus Sicht der Befragten wichtige Beiträge zur Qualitätssteigerung der Versorgung und zu einer erhöhten Effizienz. Auch eine mögliche weitere Nutzung der Daten zu Forschungszwecken wurde positiv bewertet. Verbesserungsmöglichkeiten wurden hinsichtlich einer Anpassung an bestimmte Berufsgruppen und Bedürfnisse der Nutzer:innen gesehen.

Schlussfolgerung Die frühe Evaluation der Einführung des elektronischen Dokumentationssystems Ref.Care zeigt, dass die Vor- und Nachteile der digitalen Dokumentation im Setting der Versorgung von geflüchteten Menschen denen in der Regelversorgung stark ähneln. Die Problematik der fehlenden Interoperabilität verschiedener Softwareprodukte spiegelt sich auch hier wider. Im Sinne einer guten Akzeptanz und Nutzung digitaler Interventionen gilt es, einen partizipativen Entwicklungsprozess und eine angepasste Implementierungsstrategie zu wählen.

Zitierempfehlung

Walter F, Gold AW, Jahn R et al. (2025) Evaluation der Digitalisierung der medizinischen Dokumentation in Sammelunterkünften für Geflüchtete in Deutschland: eine qualitative Studie (Evaluation of the digitalization of medical documentation in collective accommodation centers for refugees in Germany: A qualitative study). Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. https://doi.org/10.1016/j.zefq.2025.06.005